Die Geschichte des Schlosses Senden
Sander Droste zu Senden (1357 - 1401) gilt als Stammvater der Linie Droste zu Senden. Mit seiner zielgerichteten Grundstückspolitik konzentrierte er seinen Besitz in Senden. So erwarb er 1385 den Hof Udinck im Kirchspiel Senden und 1387 eine große Wiese an der Udinck-Bruecke. Sein Sohn Ludeke (1405 - 1466) rundete 1452 mit dem Erwerb des Hofes Wilberdinck die Besitzungen im Dorf ab. Der Wilberdinckhof, heute ehemalige Brennerei Palz, diente lange Zeit als Witwensitz der Familie Droste zu Senden.
Auf dem bis dahin erworbenen Besitz errichtete Ludeke ein festes Haus, das nach mancherlei Umbauten und Ergänzungen noch heute als Schloss Senden steht. Er war es auch, der als erster in seinem Erbteilungsvertrag von diesem befestigten Platz als "dat hus to Sendene" sprach, das er seinem Sohn Sander II (1448 - 1502) vermachte. In dessen Zeit fällt der Bau des Herrenhauses in seiner heutigen Form, das mit seinem Dreistaffelgiebel das wohl älteste erhaltene Baudenkmal dieser Art und Vorbild für Bauten der westfälischen Renaissance ist. Vermutlich aus dieser Zeit stammt auch die der Gräfte zugewandte südliche Fassade des Verbindungsbaus mit einer Reihe von Steinkreuzfenstern und Schießscharten. Sander II übertrug 1502 seinem gleichnamigen Sohn, Sander III, Haus Senden. Er wurde 1510 vom Bürgermeister und Rat der Stadt Münster mit dem Gogericht (durch die Franken eingeführtes, für die niedere Gerichtsbarkeit zuständiges Gericht) zu Senden betraut. Darüberhinaus wurde er 1519 von den Landständen zum Vollzieher der Landesvereinigung gewählt. Die heute von der Kunstschule genutzte Ökonomie, ein Fachwerkbau mit Krüppelwalm im Südwesten der Anlage, stammt zumindest in ihrer Grundstruktur (Dachstuhl 16. Jahrhundert) aus dieser Zeit.
Sein Sohn Joachim (geb.1559), der sich besonders als Soldat im Kampf gegen die Wiedertäufer auszeichnete, erbte Haus und Hovesaat Senden und nach seinem Tod sein ältester Sohn, Sander der IV Droste zu Senden.
Anlässlich eines zu leistenden Lehenseides (1587) wird von der Brandschatzung und Plünderung des Dorfes und des Hauses Senden durch die "Hispanischen" während des spanisch-niederländischen Freiheitskrieges berichtet. Die Erbin Sanders IV, seine einzige Tochter Maria, heiratete ihren Vetter Jobst Droste zu Beck und vererbte den Besitz an ihren Sohn Heinrich. Er und seine Frau starben mitten in den Wirren des dreißigjährigen Krieges und hinterließen drei minderjährige Kinder. Im Jahre 1633 war Haus Senden erneut das Opfer einer Plünderung durch den Herzog von Lüneburg und die "Hessischen" geworden.
1634 wurde Haus Senden für 11 Jahre an die Eheleute Andreas Kock und Gertrud Hausmann verpachtet, bis der älteste Sohn Heinrichs, Jobst Mauritz Droste zu Senden, nach erreichter Volljährigkeit das Erbe Droste zu Senden antrat. Sein Nachfolger wurde der älteste Sohn Jobst Adolf (1655 - 1711), der mehrere Projekte für das Herrenhaus, eine Neuplanung der Schlossanlage nach barockem Vorbild sowie für Wirtschaftsgebäude, Stallungen und Wohnhäuser auf der Vorburg und entlang der Allee in Auftrag gab. Den Zustand der Schlossanlage vor den barocken Regulierungsarbeiten zeigen Lagepläne aus dem Jahre 1703.
Den Droste zu Sendenschen Besitz erbte Freiherr Johann Ferdinand Droste zu Senden (1684 - 1723). Auch er und sein Sohn Freiherr Franz Arnold Mauritz (1717 - 1762) planten die Neugestaltung der Schlossinsel mit der Vorburg nach französichem Vorbild. Alle Planungen, auch die des Jobst Adolf, wurden bis auf die barocke Umgestaltung der Vorburg, das 1719 errichtete Mannenhaus und die heutige achsial ausgerichtete Brücke über die Innengräfte nicht realisiert. 1719 wurden ebenfalls die Lindenalleen zur Gruftkapelle und zu Dorf entlang dem Dümmer angelegt.
Nachdem der älteste Sohn von Franz Arnold Mauritz, Clemens-August, sehr früh gestorben war, erbte der zweite Sohn Karl-Friedrich Droste zu Senden (1750 - 1800) das Gut in Senden. In dieser Zeit (18. - 20. 11.1759) richtete die französische Armee nicht unerhebliche Schäden an. Der die Ökonomie und das Mannenhaus verbindende niedrige schmale Zwischenbau an der Westseite der Anlage wird auf das Ende des 18. Jahrhunderts datiert und ist wohl auf Karl-Friedrichs Initiative hin errichtet worden.
Ihn beerbte sein Sohn Freiherr Max-Friedrich Droste zu Senden (1777 - 1847), Abgeordneter des Westfälischen Provinziallandtages und erster Bürgermeister des Amtes Senden. Sein Erbe trat der Freiherr Clemens-August Droste zu Senden (1821 - 1875) an.
1865 wurde der Ziegelsteinturm (Treppenhaus mit Archiv) am Schloss Senden errichtet. Das Gut fiel an den ältesten Sohn Maximilian Franz (1854 - 1893), der früh kinderlos starb, sodass sein jüngerer Bruder Ferdinand Aloysius Droste zu Senden (1861 - 1903) das Erbe übernahm. Es ist anzunehmen, dass er die Remise, den Verbindungsbau zur südwestlich der Anlage gelegenen Ökonomie mit dem hofseitigen flachen Dreiecksgiebel unter Verwendung der gräftenseitigen Rückfassade neu errichten ließ und auch die Ökonomie aus dem 16. Jahrhundert sanierte. Er verehelichte sich mit Maria Freiin von Romberg (1866 - 1939), der Großmutter des Mauritius Freiherr Droste zu Senden.
1899 wurde der Ziegelsteinbau, der sogenannte Rombergtrakt, errichtet, nachdem der älteste Teil der Anlage, ein südlich an das Herrenhaus anschließender und nach Westen versetzter Bau mit großem östlichen Schleppdach, 1895 abgebrannt war.
Nach dem frühen Tod des Ferdinand Aloysius erbte sein Sohn, Freiherr Klemens Droste zu Senden (1896 - 1977), das Gut Senden. 1920 heiratete er Pia Freiin von Boeselager aus dem Hause Eggermühen (1901 - 1975).
Ende der zwanziger bzw. Anfang der dreißiger Jahre wurde die Turmhaube auf dem südöstlichen Turm des Rombergtraktes durch Blitzschlag stark beschädigt und so in Schieflage gebracht, dass sie abgebrochen werden musste.
Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 erlebte Haus Senden die dritte und eine der gründlichsten Zerstörungen seit seinem Bestehen.
Da das Schloss von den Amerikanern als Hauptquartier requiriert wurde, musste die Familie Droste zu Senden es unter Mitnahme nur der nötigsten Bekleidung verlassen. Beim Einzug der amerikanischen Besatzer wurden die vier Torpfeiler am Anfang der Lindenallee von Panzern umgefahren und die verbliebenen Sockel nach deren Abrücken abgebrochen.
Nach der amerikanischen Besetzung war Haus Senden Auffanglager und Sammelpunkt für bis zu zweitausend Personen - Franzosen, Italiener, Polen und Russen - , die sich dort zeitweilig bis zu ihrem späteren Abtransport in die jeweiligen Heimatländer aufhielten. Nachdem sie als Zwangsarbeiter für den Feind hatten arbeiten müssen, übten sie nun Vergeltung, indem sie die Einrichtung und zum Teil die Außenmauern des Schlosses zerstörten. Tage- und wochenlanger Hausarrest als Bestrafung für ihre Raubzüge auf die umliegenden Bauernhöfe steigerte nur ihre Zerstörungswut. Das ehemals umfangreiche Droste zu Sendensche Archiv wurde bei dieser dritten Zerstörung nach 1587 und 1633 erneut stark geplündert und teilweise vernichtet.
Ende 1945, nach achtmonatiger Besetzung, konnte die Familie Droste zu Senden das Schloss wieder beziehen.
Im Haus Senden fand 1946 das in Münster ausgebombte Forstamt Münster-Süd Aufnahme. Den nicht von der Familie dringend benötigten Raum beschlagnahmte die Gemeinde Senden als Wohnraum für Flüchtlinge. So lebten in den ersten Nachkriegsjahren zeitweilig bis zu sieben Familien im dritten Geschoss des Haupthauses und in den Nebengebäuden.
Im Laufe der 50er Jahre leerte sich das Haus allmählich wieder. Nach dem Auszug des Forstamtes wurde das Erdgeschoss teilweise umgebaut und von März 1952 - März 1954 von den Schwestern des Clarissen-Kapuziner-Ordens benutzt.
Nach dem Umzug der Familie Droste zu Senden 1953 in das umgebaute Forsthaus stand Haus Senden in den Sommermonaten dem Ferienkinderhilfswerk des Malteser-Ritterordens über Jahre zur Verfügung. Prinzessin Luise von Preußen bewohnte vorübergehend eine Zimmerflucht des Schlosses. Sie verließ Senden 1956.
1957 erfolgte der Verkauf des Schlosses an die Brüder Heinrich und Ewald Funnemann aus Münster. Nach Nutzung als Internat und später als Altenpension wurde das Schloss in den 80er Jahren zu einem Hotel mit Restaurant und angegliedertem Spielkasino umgebaut. Der Betrieb wurde Ende der 90er Jahre eingestellt. Nach dem Tode des später alleinigen Inhabers Ewald Funnemann und seiner Frau steht das Schloss leer und wird nicht mehr bewirtschaftet. Lediglich die Bildhauerklassen der Kunstschule Senden e.V. nutzen einen Trakt des Schlosses. Es befindet sich heute noch im Eigentum der Familie Funnemann, die sich von diesem stark sanierungsbedürftigen Besitz, der zusehends verfällt, trennen möchte und auf der bisher vergeblichen Suche nach einem Investor ist.
Das soziale Dienstleistungsunternehmen Sozialwerk St.Georg bemühte sich Mitte der 80er Jahre, das Schloss als Unterkunft und Werkstätte für behinderte Menschen zu kaufen. Dieses Vorhaben scheiterte kurz vor Vertragsabschluss an dem Eigentümer, der sich von seinem Schlossbesitz dann doch nicht trennen mochte.
Im Oktober 2007 gründete sich die Initiative Schloss Senden, die sich als gemeinnütziger Verein für die Erhaltung und die Sanierung des Schlosses einsetzt. Sie will die konzeptionellen und planerischen Voraussetzungen für den Kauf des Schlosses durch die Gemeinde Senden als öffentlicher Träger schaffen. Ziel ist es, das Schloss für die Bevölkerung offen zu halten und es kulturell, touristisch und gastronomisch zu nutzen.
Senden, im März 2008
Initiative Schloss Senden, Bernd Sparenberg